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Architektur und Schule

Brandenburger Architekt(inn)en bieten Unterstützung an

Brandenburgische Architektenkammer

Die Stadtentdecker unterwegs in Jüterbog

Einladung zum 1. Architekturgespräch 2013: Chill out Lounge für die Wiesenschule - In Jüterbog entdeckten Schüler die Architektur ihrer Stadt ... und präsentierten ihre ganz eigenen Ideen

Die Schüler präsentieren ihre ErgebnisseWenn Siebtklässler ihren architektonischen Phantasien freien Lauf lassen, können in der funktionalen Leistungsbeschreibung schon mal McDonalds oder Computerspiele auftauchen.
Allerdings auch jede Menge interessante Anregungen aus Sicht derjenigen, die sich heute schon in den Städten wohlfühlen und irgendwann einmal deren Zukunft gestalten sollen. Und so war Jüterbogs Bürgermeister Arne Raue voll des Lobes für die Schüler der städtischen Wiesenschule, die am 7. Juni in der Auftaktveranstaltung der von Architektenkammer und Arbeitsgemeinschaft Städtekranz organisierten Reihe „Stadtentdecker“ vorstellten, was sie sich für fünf ausgewählte Orte in Jüterbog ausgedacht hatten: „Ich bin erstaunt über soviel Kreativität und Ideenreichtum und kann versichern, dass viele dieser Themen auch unsere Stadtvertreter beschäftigen – und mancher Eurer Gedanken deshalb auf fruchtbaren Boden fallen wird.“

Welche Orte in Eurer Heimatstadt interessieren Euch besonders? Was gefällt Euch, was nicht? Was müsste man unbedingt anders gestalten – und welche Ideen habt Ihr dafür? Mit diesen Fragestellungen gingen die Architekten Sybille Handke und Rüdiger Karl, beide in der Region aktiv und seit langem engagiert in der Arbeitsgruppe Architektur und Schule der Architektenkammer, dieses Frühjahr an die Jüterboger Wiesenschule. Zusammen mit den Lehrerinnen motivierten sie die 45 am Projekt beteiligten Schüler der siebten Jahrgangsstufe, sich einerseits so frei wie möglich, andererseits so ernsthaft wie nötig mit ihrer gebauten Umwelt auseinander zu setzen. In elf anderthalbstündigen Unterrichtseinheiten wurden zunächst interessante Orte ausgewählt und auf Arbeitsgruppen verteilt, dann gemeinsam aufgesucht, untersucht und bewertet und die Ergebnisse schließlich kreativ verarbeitet in Wandtafeln und Pappmodelle.

Bürgermeister Raue mit SchülernVor Raue, der eigens angereisten Infrastruktur-Staatssekretärin Kathrin Schneider und der Vorstandsvorsitzenden und Geschäftsführerin von Kulturland Brandenburg Brigitte Faber-Schmidt, sowie rund 50 weiteren Besuchern der Auftaktveranstaltung präsentierten die Wiesenschüler also am 7. Juni ihre Entdeckungen: die Kino-Ruine „Schauburg“, unter Denkmalschutz und seit langem ohne Nutzung, den verwahrlosten früheren Stadtpark um den Wasserturm, das Brachgelände des ehemaligen Landbaukombinats direkt neben dem mittelalterlichen Dammtor, den heruntergekommenen klassizistischen Bahnhof, einst eine Visitenkarte der Stadt, und dann natürlich die Wiesenschule selber als den Ort, für den naturgemäß am schnellsten konkrete Vorstellungen entwickelt werden konnten. Im Kulturquartier Mönchenkloster wurden die Vorschläge vor großem Publikum präsentiert:

Während der Präsentation, im Vordergrund Bürgermeister Raue, Kulturlandchefin Faber-Schmidt und Staatssektretärin Schneider (rechts)Aus der Schauburg wird ein „Spieleland“ – dort gibt es die besten Spiele zum Kaufen und Ausleihen. Dafür wird das Dach des historischen Kinogebäudes saniert, der Eingang schmaler gestaltet. Für die Fassade ist ein leuchtendes Kirschrot vorgesehen. Im Inneren stehen Rechner und Konsolen zum Ausprobieren der Spiele, außerdem werden zwei Kassen und zwei Toiletten eingebaut sowie im Obergeschoss eine Heizungs- und Lüftungsanlage. Unter dem Wasserturm erschließt ein „Wiesenweg“ das Gelände.
Ein kleines Cafe lädt Jung und Alt zum Verweilen ein. Vor dem Cafe wird ein Spielplatz angeordnet, damit die Kleinen spielen können, während die Eltern Kaffee und Kuchen genießen.
Auf der Brachfläche entsteht das „Gasthaus zum Dammtor“ in direkter Verbindung zur alten Wehranlage. Das Hotel soll zwei Etagen, Keller und Dachgeschoss sowie einen Innenhof haben, in dem sich ein Cafe und Spielanlagen befinden. Besondere Attraktionen sind ein großer Festsaal sowie das Hochzeitszimmer über dem Torbogen. Mit einer verzierten Fassade soll das Hotel in den mittelalterlichen Stadtkern einladen. Auf dem Areal könnte außerdem der nicht mehr existierende Jüterboger Tierpark neu eröffnet werden, der sich früher am Karpfenteich befand und aus Sicht der Schüler eine echte Touristenattraktion war.
Der Bahnhof bleibt Bahnhof, bekommt aber eine Vielzahl zusätzlicher Funktionen. Vor allem ist Personal erforderlich, das für Sauberkeit und Ordnung sorgt. Der Schalter soll bis 20 Uhr geöffnet sein. Es gibt Läden und eine Fahrradstation, wo man die Fahrräder sicher verwahren kann, da heute viele Fahrräder geklaut werden. Für die Farbfassung der Fassaden kommt Gelb in Frage, es wurden aber auch bunte Vorschläge gemacht. Vor allem sollte das Umfeld ansprechender gestaltet werden: Bänke und Papierkörbe, ein Schachfeld, Rasen und Blumenbeete, mehr Parkplätze, aber auch mehr Bäume, also vielleicht ein Park-Platz im doppelten Sinne des Wortes.
Und in der Wiesenschule wird der alte Schuppen gegenüber dem Kreativhaus zum Cafe „Chill out Lounge“ mit offener Vorderfront, gemütlichen Tischen und Stühlen, Getränkeautomat und McDonalds-Lieferservice. Sitzmöglichkeiten soll es auch draußen geben. An einem kleinen Teich und unter einem Sonnenrollo wollen sich die Schüler vom anstrengenden Unterricht erholen ...

Gesprächsrunde mit den SchülernDas anschließende Architekturgespräch diente einer ersten Auswertung der Vorschläge. Moderator Jürgen Tietz wollte von den Schülern ssen, was sie an der Schauburg so fasziniert – immerhin sei diese ja so etwas wie ein angesagter Treffpunkt für die Schüler gleich mehrerer städtischer Schulen. Bei der Befragung bestätigte sich die Vermutung von Architekt Carl Schagemann, dass gerade der ruinöse und damit geheimnisvolle Charakter das Gebäude so anziehend macht. Bauamtsleiterin Kira Wenngatz differenzierte in Aktivitäten, wo die Jugendlichen öffentlich wahrgenommen werden wollen und solche, für die sie eher unter sich bleiben möchten. Für letztere käme die kürzlich von der Stadt erworbene Schauburg besonders in Frage. Bürgermeister Raue ergänzte, dass es noch kein fertiges Konzept gebe, nur Überlegungen für Musikräume, Filmräume und Gastronomie, und dass er sowohl die Nutzungsideen der Schüler als auch den „unfertigen“ Gebäudecharakter gern in die weiteren Planungen einbeziehen werde.
Ob es in Jüterbog denn nicht genug Cafes gebe oder diese zu teuer für Jugendliche seien war ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion. Die vorhandenen Angebote würden Jugendliche nicht ansprechen, gaben die Schüler zur Antwort und konnten sich auf Nachfrage von Architektin Handke sogar vorstellen, selber ein Cafe zu betreiben – in der Schauburg oder der Wiesenschule. Mit Bürgerbeteiligung habe man in Jüterbog unterschiedliche Erfahrungen gemacht, gab Wanngatz zu bedenken – für die Stadt mit ihren begrenzten Ressorcen sei so etwas immer ein „Drahtseilakt“, wenngleich die positiven Effekte durchaus gesehen werden. Schagemann und der Schulleiter Ralf Mund erinnerten an den von der Architektenkammer initiierten Workshop zur baulichen Umsetzung des Ganztagskonzeptes an der Wiesenschule, an dem drei Architekten und rund 40 weitere Beteiligte gemeinsam nach Lösungen suchten und am Ende schlüssige Lösungen aufgezeigt wurden, die umgesetzt werden konnten und sich noch heute bewähren.

Lehrerin Fr. Retzlaff mit ihren SchülerInnen

Aus dem Interesse für die gebaute Umwelt wachse langfristig auch die Kompetenz, sich in solche Verfahren einzubringen, war Schagemann überzeugt und lobte alle Beteiligten für ihre engagierte Arbeit und die greifbaren Ergebnisse. Für Jüterbog habe sich das Projekt „Stadtentdecker“ schon jetzt gelohnt, waren sich Bürgermeister Raue und Staatssekretärin Schneider jedenfalls einig. Der Mehrwert einer Stadtentdeckung sei es, den Ort auf einmal ganz anders wahrzunehmen. Schneider: „Wenn es gelingt, die Vorschläge in der Debatte zu behalten, darüber zu diskutieren, was man aufgreifen oder weiterentwickeln kann, wäre das ein schöner Erfolg für das Projekt und der Arbeit der Schülerinnen und Schüler.“
Nach den Sommerferien werden Schüler auch in Neuruppin, Eberswalde,Frankfurt, Cottbus, Luckenwalde und Brandenburg an der Havel  als Stadtentdecker unterwegs sein, gab Mascha Kleinschmidt-Bräutigam bekannt, früher stellvertretende Direktorin des Landesinstituts für Schule und Medien und heute mit der Architektin Sabine Thürigen zuständig für die Koordination, fachliche Begleitung und Dokumentation der Unterrichtsprojekte. Die Erfahrungen aus Jüterbog werden darin einfließen. Der Einsatz von Architekten an Schulen der insgesamt sieben Städte des Städtekranzes sowie die Veranstaltungsreihe wird von der Kulturlandstiftung im Rahmen des Themenjahres „Kindheit in Brandenburg“ gefördert.

Präsentation mit Ortsbegehung am 7. Juni 2013

Kulturquartier Mönchenkloster